Fakultät für Chemie und Pharmazie

Organische Analytik: Malen nach Zahlen

Im Inneren des Verschlages: Eine Batterie von Flaschen mit verschiedenfarbigen Lösungen in Mike Kelleys „The Keep“: Foto: Helena Ernst // © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Die Bewahrung des Vergänglichen: LMU-Chemiker entwickeln ein einfaches Verfahren, um bei Kunstwerken den ursprünglichen Ton von Farbstoffen und Pigmenten mit rechnerischen Werten zu dokumentieren und so wiederherstellen zu können.

 

Auf den ersten Blick ist das Kunstwerk nichts weiter als ein Verschlag, zusammengenagelt aus groben Brettern. Durch einen Spion und Gucklöcher lässt sich das Innere des Gehäuses wahrnehmen: eine Sitzfläche mit runden Aussparungen wie bei einem Plumpsklo, ein paar Heftl und Kondome – und, illuminiert wie eine Hausbar, eine Batterie von Flaschen und Gläsern, gefüllt mit farbigen Flüssigkeiten. „The Keep“ heißt die Installation, sie stammt von dem US-amerikanischen Künstler Mike Kelley; mitunter ist sie im Münchner Museum Brandhorst zu sehen. Kelley, der ursprünglich auch als Musiker aus der Noise- und Undergroundszene kam, schaffte es in seinen Installation wie kaum ein anderer, mit gewöhnlichen, harmlosen, wenn auch abgerockten Materialien das Abgründige im Alltag, das Bedrohliche im Biografischen zu beschwören.

Wie konserviert man ein solches Kunstwerk? Und welches ist überhaupt der Status quo, den es zu erhalten gilt? Diese Frage hat sich die Kunsttechnologin Helena Ernst in ihrer Masterarbeit an der Technischen Universität München gestellt – und mit ihr Heinz Langhals, Professor für Organische und Makromolekulare Chemie an der LMU.

Langhals hat sich in diesem Fall vor allem für die farbigen Flüssigkeiten in den Flaschen und Gläsern interessiert. Sie enthalten lösliche organische Farbstoffe; und anders als so manchen in der Malerei verwendeten anorganischen Pigmenten macht Licht den Lösungen schwer zu schaffen: Die Färbung verändert sich über die Jahre. „Prekär ist das Problem der Lichtechtheit bei homogen gelösten Farbstoffen wie zum Beispiel Tinten, weil dort die chromophoren, farbtragenden Strukturen nur in kleinen Mengen vorliegen“, sagt Langhals. „Um den ursprünglichen Farbeindruck wiederherzustellen, wird man die Farben auffrischen müssen.“

Wie lässt sich die Ausgangszustand also rekonstruieren, wenn schon nicht bewahren? Und: Wie lässt sich die ursprüngliche Färbung für die Nachwelt dokumentieren und gleichsam als Standard festschreiben? „Dies erfordert für einen Ist-Soll-Vergleich eine effiziente und präzise Langzeitdokumentation von Farbtönen, die mit der üblichen Farbmetrik nicht zu erreichen ist“, sagt der Chemiker. Genau dafür haben Langhals, sein Mitarbeiter Thorben Schlücker, der heute an der Bayerischen Staatsbibliothek an der Erhaltung alter Schriften arbeitet, und Helena Ernst nun ein neues Verfahren entwickelt. Zunächst haben die Münchner Forscher kleine Proben der Flüssigkeiten mit modernen Spektrometern ausgemessen. Zwar könne man so das spektrale Lichtabsorptionsvermögen der Lösungen im sichtbaren Bereich messen, dies führe aber zu breiten, komplex verlaufenden Spektrenzügen, „die sich kaum für einen exakten Ist-Soll-Vergleich eignen“, wie Langhals sagt.

In der neuen Arbeit gelang es Langhals nun, diese breiten Spektren in maximal sieben Gaußbanden aufzuspalten. Schon in früheren Arbeiten hatte er zeigen können, dass die Lichtabsorption solchen statistischen Verteilungsmustern gehorcht. Jetzt konnte er so nicht nur jeweils die ganzen Spektren mit hoher Präzision simulieren. Dies macht eine Dokumentation des gesamten Spektrums in maximal 21 Zahlenwerten möglich – für Langhals die Basis für einen effizienten Ist-Soll-Vergleich zum Auffrischen der Farben. Zudem ermöglichen die Daten über Vergleiche einfache Rückschlüsse auf die verwendeten chromophoren Systeme und damit auf die chemische Identitäten der hoch verdünnten Farbmittel. Damit konnten die Münchner Wissenschaftler beispielsweise feststellen, dass Kelley alle sieben verschiedenfarbigen Flüssigkeiten aus Mischungen und Verdünnungen von drei Stammlösungen hergestellt haben muss. Langhals hat mittlerweile ein Patent auf das Verfahren, das nicht nur für farbige Lösungen, sondern auch für feststoffliche Pigmente funktioniert.
Analytical Letters 2017